Aphorismen

von Werner Hecht, 1994

Er ist zeitlos. Es ist nicht
vorstellbar, dass er älter wird.

Von der Mutter, der großen
Anregerin, hat er den Kunstsinn,
vom Vater, dem Kapitän, das
Columbianische: er ist Entdecker
nicht neuer Welten, sondern
neuer Entdecker der Welt.

Seine Welt ist die, die er
sieht. Und er sieht mehr als du
und ich. So lebt er in mehreren
Welten.

Was er in die Hand bekommt,
nimmt erst unter seinen Fingern
Form an. Seine Form.

Er hat eine unverwechselbare
Hand-Schrift. Deshalb bleibt
alles, was er macht, einmalig.

Seine Heiterkeit ist typisch
undeutsch, er denkt und lacht
französisch.

Was er malt oder was er in
Steine haut, auch wenn die
Arbeit schwer ist, strahlt
Leichtigkeit aus.

Seine Arbeiten laden ein zu
freundlicher Betrachtung.

Seine Gedankenketten sind
unbeschwert und heiter: eine
fröhliche Wissenschaft.

In seinem früheren Leben muß er
jemand mit Flügeln gewesen sein.
So hat er sich den Überblick
gewahrt.

Die Landschaft bringt er zur
Ruhe durch Harmonie, die den
Betrachter beruhigt. Aber zu
dessen Verblüffung sieht er dann
in den Tälern die Busen, in den
Hügeln die Schenkel.

Seine verwegenen Portraits von
Paaren zeigen keine Gesichter,
sondern Geschlechter. Sie lachen
nicht, sie weinen nicht – haben
es hinter sich.

Es gibt bei ihm keine
geschundene Natur. Wie er selbst
jederzeit einen völlig
unverletzten Eindruck macht.


Hering, ca. 1966