Einfache Regeln – die Farben betreffend

Über Farben zu schreiben, scheint unmöglich angesichts des Satzes „De gustibus et coloribus non est disputandum“. Aber hier soll nicht über Geschmack (und Farben) „disputiert“ werden. Ob eine Farbe warm oder kalt ist, ist eine Frage subjektiven Empfindens und somit Geschmacks-frage. Aber ob sie hell oder dunkel ist, ist messbar und Teil einer objektiven Ordnung, wie zum Beispiel die Tonleiter oder das Zahlensystem. Bei dieser Ordnung gilt nur die direkte (optische) Wahrnehmung. Sie gibt die Möglichkeit, sich in der Vielfalt der Farben zurechtzufinden und eben auch über Farben zu sprechen, ohne gleich über Geschmacksfragen zu streiten.

Ein Beispiel kann klarmachen, was gemeint ist: Was ist eine reine Farbe? Bei der ästhetischen Betrachtungsweise wird die Reinheit der Farbe am leichtesten durch die Abwesenheit von Grau definiert. Der Gegensatz zur reinen Farbe ist eine trübe Farbe. Für den Physiker ist eine Farbe rein, wenn sie nur auf einer Wellenlänge beruht. Eine Mischung von mehreren Wellenlängen ist nicht mehr rein, gleichgültig wie ihr Aussehen ist. Für den Chemiker ist eine Farbe rein, wenn sie bei der Gewinnung ohne Zusätze ist. Also kann auch eine (trübe) Erdfarbe „rein“ sein. Diese drei Aussagen widersprechen sich nicht, man muss nur wissen, wer wovon spricht. Die folgenden 20 ‚einfachen Regeln‘ sollen zur ‚Aufhellung‘ dieser Fragen beitragen:

1) Bei einer ästhetischen Betrachtung der Farben fallen zwei Arten ins Auge: die reinen Farben und alle anderen. Die „Anderen“ sind weit in der Überzahl, sie sind gedämpft und unaufdringlich. Die reinen Farben sind selten und haben doch eine Art Führungsrolle. Sie geben den Farben die Namen (z.B. Kirschrot und Zitronengelb) und sind die Grundlage dessen, was wir als „Farbigkeit“ bezeichnen. Die reinen Farben lassen sich zusammenhängend in einer Weise ordnen, die dem Spektrum entspricht.

2) Die Reihe der durch ihre Nachbarschaft zusammenhängenden Farben lässt sich zu einem Kreis schließen. In diesem Kreis, der durch die Aufeinanderfolge verschiedener Farben (Rot – Orange – Gelb) entstanden ist, liegen sich – quer über den Mittelpunkt des Farbenkreises hinaus – jeweils zwei Farben gegenüber, wie zum Beispiel Rot und Grün, die auch optisch einen Gegensatz bilden. Ein weiteres ins Auge fallendes Gegensatzpaar ist Blau und Gelb. Daneben gibt es noch Schwarz und Weiß, die die Endpunkte einer Mischungsreihe von Grautönen bilden. Diese Grauskala repräsentiert die Helligkeit, der Kreis die Farbigkeit unserer Wahrnehmung. Dem entsprechen Zapfen und Stäbchen in unserem Auge, von denen die einen Helligkeit, die anderen Farbigkeit wahrnehmen. Hinter einer reinen Farbe auf diesem Farbkreis steht jeweils ein ganzes Feld von Farbtönen, wie zum Beispiel hinter Rot die ganze Vielfalt aller existierenden und vorstellbaren Rottöne. Die Vorstellung eines solchen Farbfeldes anstatt einer einzigen Farbe bedeutet eine Steigerung sowohl der Empfindlichkeit als auch des Differenzierungsvermögens.

3) Den Mittelpunkt sowohl des Farbkreises, als auch der Grauskala bildet ein gemeinsames auch optisch mittleres Grau. Ordnet man diese beiden zueinander, so ergibt sich die Grauskala als Achse und der Kreis als Äquator eines kugelförmigen Farbkörpers, mit eben diesem Grau als Mittelpunkt der Kugel. Die Breitengrade sind von gleicher Helligkeit, die Längengrade haben den gleichen Farbton. Der Farbkörper ist eine ideale – keine reale – Form, die Gesamtheit aller vorstellbaren Farben zu erfassen. Von jeder Farbe im Farbkreis lässt sich ein „farbtongleiches Dreieck“ bilden, wobei jeder Mischungsschritt in Richtung Grauachse einen Verlust an Sättigung bedeutet.

4) Innerhalb dieses Systems des Farbkörpers lässt sich darstellen, wie jede beliebige Farbe in drei Richtungen verändert werden kann. Erstens: waagerecht nach rechts oder links zu den beiden Nachbarfarben. Zweitens: nach oben oder unten zur Veränderung der Helligkeit. Drittens: In Richtung auf das Grau zu, in einer Abnahme der Sättigung. Je nachdem, ob man findet, dass ein gewünschter Farbton zu hell oder zu dunkel, zu klar oder zu trübe, zu warm oder zu kalt ist, kann man sich orientieren und die Mischung entsprechend verändern.

5) Das Problem der warmen und kalten Farben ist schwierig, da es an die individuellen Empfindungen gebunden ist. Die hellste Farbe ist objektiv messbar, was die wärmste Farbe ist, liegt im Empfinden eines jeden Einzelnen. Doch gibt es so etwas wie einen Konsens, eine grobe Einteilung, die sich in den Worten „Feuerrot“ und „Eisblau“ ausdrückt. Gemeint sind damit ein Rotorange und ein helles Türkis. Um diese Farben herum gruppiert sich der Gegensatz eines absoluten Warm-Kalt-Kontrastes. Innerhalb dieser Beziehung nehmen Violett und Grün eine neutrale Stellung ein. Neben diesem absoluten Warm-Kalt-Kontrast gibt es noch einen relativen, der sich auf die Beziehung zur Nachbarfarbe beschränkt. So gibt es ein warmen und ein kaltes Grün, d.h. eines, das sich mehr dem Türkis, und ein anderes, das sich mehr dem Gelb zuneigt. Ein Rot nähert sich dem Zinnober, ein anderes dem Violett. Diese Unterschiede jeweils als relativ warm und relativ kalt zu bezeichnen, ist nachvollziehbar.

6) Aus Gelb und Blau kann man Grün mischen. Dieser Satz sollte korrekt heißen: aus verschiedenen Gelbtönen und Blautönen kann man verschiedene Grüntöne mischen. Dabei zeigt sich, dass der Grünton umso trüber ist, je weiter die beiden Ausgangsfarben auf dem Farbkreis voneinander entfernt sind. Ein wirklich reines und intensives Grün wird eigentlich kaum erreicht.

7) Die Erscheinung einer Farbe ist abhängig von ihrer Umgebung. Der Einfluss, den zwei nebeneinanderliegenden Farben aufeinander ausüben, wird Simultankontrast genannt (nicht zu verwechseln mit der – physikalischen – Bezeichnung für das optische Nachbild einer Farbe im Auge, dem Sukzessivkonstrast). Diese Wirkung ist sowohl in der Helligkeit, als auch in der Farbigkeit wahrnehmbar. Derselbe Grauton wirkt in einer hellen Umgebung dunkler und in einer dunklen Umgebung heller als er „wirklich“ ist. Der Unterschied ist so gross, dass man selbst bei genauer Betrachtung es nicht für möglich hält, dass es sich um dieselbe Farbe handelt. Auch bei der Farbigkeit treibt der Kontrast die Wirkung in ihr Gegenteil. Bei einem Ockerton treibt die Reinheit einer warmen Umgebung (Rot-Gelb) die Wirkung ins Trübe. Bei einer kühlen Umgebung wirkt es reiner. Auch Helligkeitseinflüsse sind deutlich wahrnehmbar (Gelb, Violett). Der Simultankontrast ist neben der Beleuchtung (zum Beispiel: Tageslicht, Lampenlicht) der wichtigste Einfluss auf unsere Farbwahrnehmung.

8) Jede reine Farbe hat in ihrem höchsten Sättigungsgrad eine eigene Helligkeit. Ein reines Gelb ist auch ohne Weißbeimischung eben heller als ein reines Violett, was bei einem Vergleich mit der Grauskala leicht feststellbar ist. Reiht man die Farben des Farbkreises aneinander, so ergibt sich eine kontinuierliche Wellenbewegung, die jeweils bei Grün und Rot einen mittleren Wert hat.

9) Grau ist der Mittelpunkt unseres Farbkörpers. Man erreicht diese Mitte sowohl in der Senkrechten (Graureihe), als auch in der Waagerechten (durch die Gegenfarben, die sich im Farbkreis gegenüberliegen). Wenn sich bei der Graumischung ein leichter Farbstich ergibt, so zeigt das nur, dass sich die beiden Ausgangsfarben eben nicht ganz genau gegenüberlagen. Das wird meist der Fall sein, da die vorhandenen Farben nicht genormt sind und von Firma zu Firma wechseln. Bei der Mischung von Blau und Braun (dunkles Gelb oder Orange) ergibt sich ein sehr dunkles Grau, das bei einer Weißsaufmischung deutlich seinen neutralen Charakter zeigt. In einer Reihe von Grautönen ist es müßig, nach einem „neutralen“ Grau zu suchen. Es ist nur eines unter vielen und zudem noch durch den Simultankontrast beeinflusst.

10) Drei Felder zusammengehöriger Farbgruppen, die innerhalb des Farbkörpers ebenfalls geschlossenen Formationen bilden, sind: die hellen, die dunklen und die trüben Farben. Die hellen und dunklen Farben bilden jeweils die Kuppe (nach oben und unten) der Farbkugel, um den Schwarz- und Weißpol herum, während die trüben Farben den inneren Kern der Kugel bilden.

11) Es gibt vier Farbfelder unterschiedlicher Zusammengehörigkeit. Zuerst die reinen Farben. Ihre Klarheit und Leuchtkraft schließt sie zusammen. Man könnte geneigt sein, sie als Buntfarben zu bezeichnen, wenn dieser Begriff nicht umfassender wäre, denn er schließt jede Form von farbiger Tönung ein (auch die gebrochenste), um sie gegen die Grauskala abzusetzen. Dann ein monochromes Farbfeld, dem Farbton-dreieck entsprechend. Hier fällt auf, dass ein neutrales Grau, aus Schwarz und Weiß gemischt, innerhalb dieser kühlen Umgebung durch den Simultankontrast einen warmen Farbstich bekommt. Dann ein warmen und ein kaltes Falbfeld, jeweils um Orange und Türkis gruppiert, die einen in sich geschlossenen und einander gegensätzlichen Charakter aufweisen.

12) Hier noch einmal zwei Beispiele der Wirkung des Simultankontrastes auf die Farben. Zuerst die Veränderung von gebrannter Siena in verschiedener Umgebung. Innerhalb von Rot (einem verwandten Farbton), wirkt sie am trübsten. Bei Schwarz am farbigsten und leuchtend, bei Weiss dunkler und kraftvoll. Ocker erscheint in Gelb dunkler und in Blau deutlich heller und gelblicher. In unserem Graubeispiel wirkt der Helligkeitsunterschied bestimmend.

13) Schwarz-Weiß und Hell-Dunkel sind nicht identisch. Zwar sind Schwarz und Weiß jeweils die hellste oder dunkelste aller Farben, doch haben sie – als Farbmaterie – noch einen weiteren Einfluss auf die Mischungen. Sie trüben die Farbe, vermilchen sie und wirken abkühlend.
Besonders auffällig ist die Wirkung von Schwarz auf Gelb, das bei zunehmender Mischung deutlich grünlich (d.h. zum Blauen, Kühlen hin) gezogen wird, während die reine Dunkelreihe über das Braun geht.
Bei Rot wirkt die Mischung mit Weiß ebenfalls abkühlend. Die Mischungen bekommen zunehmend einen Violettstich. Die echten Helligkeitsstufen sind deutlich wärmer. Um die richtige Helligkeits-wirkung zu erreichen, muss man bei Schwarz-Weißmischungen immer ein wenig wärmere Farben zumischen.

14) Es gibt zwei verschiedene Möglichkeiten, Farben zu mischen. Entweder: Die Farben werden in (transparenten) Lasurschichten übereinandergelegt, so dass an der Überschneidungstelle die untere Farbe durchscheint und sich eine neue Farbe ergibt. Oder: Bei deckenden (nicht transparenten) Techniken werden die beiden Ausgangsfarben miteinander verrührt und gesondert aufgetragen. Farben können darüber hinaus auf verschiedene Weise miteinander in Beziehung gebracht werden. Sie können flächig gegeneinanderstoßen – wie zum Beispiel in der hard-edge Malerei und anderen flächenbetonten Stilen. Oder sie können grenzlos ineinander übergehen und so den Eindruck von Rundungen und Volumen hervorrufen.

15) Eine weitere Möglichkeit, Farben zu verändern, ist die Überstrahlung, das heisst die Beleuchtung mit einem bestimmten farbigen Licht. In der Pigmentmischung lässt sich diese Wirkung herstellen, indem man einer Reihe von Farben dieselbe Farbe zumischt. Es entsteht dabei eine Beziehung von harmonischem Charakter, die besonders für dekorative Arbeiten (Stoffdruck und Ähnliches) geeignet ist.

16) Stoßen zwei Farbflächen zusammen, so entsteht durch das Vor- und Zurücktreten ein räumlicher Eindruck. Die helleren, leuchtenden und wärmeren Farben drängen nach vorn, während die kühleren im Hintergrund bleiben. Bei reinem Schwarz-Weiß lässt sich, bei konsequentem Aufbau, die Wirkung umkehren, je nachdem ob man, sozusagen, von Außen nach Innen, oder von Innen nach Außen sieht. Bei den Buntfarben ist die Warm-Kalt-Wirkung dominierend. Die wärmeren Farbtöne haben immer einen Vordergrundcharakter, auch wenn sie dunkler sind als die kühlen, bläulichen Töne der Ferne. Diese Wirkung macht sich die Landschaftsmalerei als Teil der Farbperspektive zunutze.

17) Rot und Gelb ergibt Orange. Aber welches Rot und welches Gelb? Je näher sich die Ausgangsfarben auf dem Farbkreis liegen, desto reiner wird das gemischte Orange. Je weiter sie voneinander entfernt sind, desto trüber wird die Mischung, das heisst, desto mehr nähert sie sich dem im Zentrum des Farbkreises liegenden Grau. Der optische Eindruck ist auf der konstruktiven Darstellung deutlich nachvollziehbar. Der Farbkreis ist der Ort für die reinen Farben. Auf diesem Kreis gibt es keinen Unterschied zwischen sogenannten Primär- und Sekundärfarben. In ihrer Reinheit sind dort alle Farben gleich. Ein Dreifarbsystem, als Dreieck in den Farbkreis eingeschrieben, reicht nicht aus, um die Reinheit der Zwischenmischungen zu garantieren. Dagegen sind vier Farben, gleichmäßig über den Farbkreis verteilt, schon sehr viel günstiger. Spaltet man diese nun auf in eine jeweils (relativ) warme und kühle Variante, so steht der Möglichkeit der Mischung aller reinen Farben nichts mehr im Wege. (Nebenbei gesagt ist dies auch die Grundlage der meisten Künstlerpaletten) Zur Erreichung der trüben (gebrochenen) Töne nimmt man zwei Farben in einem größeren Abstand auf dem Farbkreis, oder man mischt direkt Grau bei. Für helle und dunkle Farben mischt man bei deckenden Techniken Schwarz oder Weiß zu.

18) Der Norm-Farbkasten hat eine einsichtige und hilfreiche Aufteilung: Zuerst sind es erst mal acht reine Farben links, die in je zwei Varianten vorhanden sind: Gelb (wenn man in diesem Fall Orange zur Geldgruppe zählt), Rot, Blau und Grün, jeweils in einer relativ warmen und einer kühlen Form. Dann gibt es drei gebrochene (trübe) Farben, in diesem Fall drei Braunvariationen. Eine weitere Unterteilung ist die in eine warme Reihe (oben) und eine kalte Reihe (unten). Karmin und Gelbgrün sind dabei ausgenommen, weil sie für sich gesehen, im Hinblick auf den Warm-Kalt-Kontrast neutral sind. Bei den Brauntönen gehören zwei eindeutig zur warmen Gruppe, während das Umbra (unten) verhältnismäßig kühl ist. Dazu gibt es zwei unbunte Farben, nämlich Schwarz und Weiß.

19) Da die Farben des Farbkreises (Spektrum) grenzlos ineinander übergehen, ist es unmöglich, irgendwelche Grund- und Primärfarben herauszufinden. Geschieht dieses doch, so hat es ideologische und ökonomische Gründe. Da jede einzelne Farbe als neuer Druckvorgang Geld kostet, versucht man, mit einem Minimalsystem auszukommen, um die Gesamtheit der Farben wiederzugeben. Ein gleichseitiges Dreieck deckt tatsächlich schon weitgehend die mögliche Vielfalt der Mischungen innerhalb des Farbkreises ab.

20) Es gibt aber verschiedene solcher Grundfarbensysteme, die nicht nur aus praktischen Gründen, sondern auch als Orientierungssysteme benutzt werden. Für eine ästhetische Farbenlehre wird meist Ultramarin, Karmin und Kadmiumgelb zugrunde gelegt. Drucker benutzen andere Farben als Ausgangspunkte für ihr System, nämlich Magenta, Cyan und Zitronengelb, deutlich vom o.a. System unterschieden. Auch das Fernsehen benutzt ein Dreifarbsystem, das sich aber von den beiden vorhergehenden deutlich unterscheidet, da es sich um eine additive Mischung handelt, das heißt, um eine physikalische Lichtmischung und nicht um eine subtraktive Pigmentmischung. Der staunende Fachmann (nicht nur der Laie) kann hierbei feststellen, dass man aus Rot und Grün auch Gelb mischen kann. (Addiert oder subtrahiert wird übrigens das Licht und nicht die Farbe). Am besten vorstellbar ist das so: Bei der additiven Mischung projezieren drei Lichtquellen die Farbe auf dieselbe Stelle, während bei der subtraktiven Mischung die verschiedenfarbigen Filter vor dieselbe Lichtquelle geschoben werden.