»Nulla dies sine linea«

»Die Rezeption von Künstlern über ihre Biografie hat mich immer gelangweilt. Mehr noch: Sie hat mich gestört. Ich glaube nicht, dass das, was Künstlern zustößt, etwas Anderes ist als das, was auch Sparkassenangestellten zustößt. Künstlerlebensläufe sind nicht dadurch besonders, dass sie Besonderes erleben. Sondern dadurch, dass sie Künstler sind!«

Wer Bernd Hering nach seiner Vita befragt, der mache sich anfangs auf vehemente Bescheidenheit gefasst: dann, wenn es ihn als Privatperson betrifft. Da hält er es mit Gustav Klimt: »Persönlich bin ich sehr uninteressant!« In der Tat ist es ihm unangenehm, ja zuwider, sein Leben als Messlatte missbraucht, als Humus für sein künstlerisches Werk missdeutet zu sehen. Wichtig ist ihm allein werkimmanente Kritik. Da gibt er seine persönliche Bescheidenheit auf; er weiß. dass er malen kann. Gelten lässt er allenfalls einen Maßstab, den er selber schuf: den Blick auf seine früheren Werke. Er weiß um seine künstlerische Weiterentwicklung; den Vergleich mit sich braucht er nicht zu scheuen.

Nun ist es ein schwieriges Geschäft, einen Künstler aus seinem biografischen Ich zu lösen. Ihn – quasi als geschichtsloses Artefakt – von seinem Lebenslauf zu scheiden. Max Liebermann, von Hering sehr geschätzt, wollte soweit nie gehen: »Die Persönlichkeit ist der Inhalt der Kunst«, schrieb er einmal an Maximilian Harden, »nicht irgendein aprioristisches ästhetisches Axiom!« Bernd Hering würde ihm recht geben, um dann die »Persönlichkeit« von biografischen Zufälligkeiten abzukoppeln und sie – genauer – als »Künstlerpersönlichkeit« zu definieren: »Künstlerlebensläufe sind nicht dadurch besonders, dass sie Besonderes erleben«, stellt er apodiktisch fest, », sondern dadurch, dass sie Künstler sind.« Und er verweist darauf, dass eine Unzahl von Menschen die Bombardierung spanischer Städte während des Bürgerkrieges erlebt habe, ohne, wie Picasso, »Guernica« zu malen.

Kausale oder finale Beziehungen zwischen seinem Lebenslauf und seinem Werk mag Bernd Hering nicht herausstellen; er leugnet sie aber auch nicht. In einer Zeit, als ihn eine schwere Erkrankung seiner Frau Ruth ungemein belastete, arbeitete er stark farbreduziert, machte vorzugsweise schwarze Pinselzeichnungen. Bekannte sahen darin mehr als nur eine zufällige Koinzidenz. »Der Teufel soll mich holen«, meint Hering dazu, »wenn ich darauf eine Antwort weiß!«

Dass Hering die Bedeutung seiner Biografie für sein künstlerisches Werk so prononciert herunterspielt, sagt eigentlich etwas ganz Anderes aus: Er beharrt auf dem Primat der Kunst. Gefällig lässt sich da die Sentenz formulieren: Er zieht es sichtlich vor, ein unbedeutender Mensch und Maler bedeutender Bilder zu sein, als ein bedeutender Mensch und Maler belangloser Bilder. Der Persönlichkeitskult, dem derzeit im internationalen Kunstgeschäft gehuldigt wird, mag diese Haltung verstärkt haben; Pate gestanden hat er sicherlich nicht. Schon immer waren Bernd Hering Bilder wichtiger als ihre Maler.

Einen kurzen biografischen Aufriss kann ich ihm dennoch an dieser Stelle nicht ersparen: Man stelle sich einen Hamburger Jungen des Jahrganges 1924 vor, Sohn eines Kapitäns und Kap-Horniers, Sohn auch einer literatur- und kunstsinnigen Mutter, die sich später, mit 50 Jahren noch ans Malen wagen wird. Der Junge malt, seit er einen Stift halten kann, »ununterbrochen und unter allen Bedingungen«. Bereits als ABC-Schüler fällt er zeichnerisch auf, wird vom stolzen Lehrer an der Tafel vorgeführt. Die üblichen zwei Wochenstunden Kunst reichen später dem Gymnasiasten nicht mehr; er besucht auch Abendkurse an der Landeskunstschule.

Die künstlerische Sozialisation des jungen Bernd Hering fällt in eine Zeit, die sich die Kunst als Propagandainstrument zunutze macht. Doch Hering kann sich an keinerlei Indoktrination erinnern; seine Lehrer am Gymnasium wie an der Kunstschule seien »ideologiefrei« gewesen, der Unterricht »aufregungslos«. Weder sei er mit AgitProp-Kunst noch mit Brekerscher Monumentalästhetik traktiert worden.

Das bildungsbürgerliche Elternhaus seiner Freundin und späteren Ehefrau Ruth, Tochter eines erfolgreichen Porträtmalers, erspart Hering auch den zeittypischen Tunnelblick; anders als andere hat er hier Zugang zu den verpönten Farbzauberern Nolde, van Gogh und Corinth. Zudem lernt er die pastose Malerei Liebermanns schätzen, »seine Verve, seine Leidenschaft, seine Präsenz«.

Bernd Hering erlebt und überlebt den Krieg als kriegsdienstverpflichteter Matrose der Handelsmarine. Doch »ungeheuer spannend« wird es erst für ihn, als der Krieg vorbei ist und die zur NS-Zeit als »entartet« gebrandmarkten Maler aus den Magazinen, Asservatenkammern und Privatsammlungen kunstsinniger NS-Größen auftauchen: ein Picasso, ein Paul Klee, ein Max Ernst. Ein versunkener Schatz der Vorkriegsmalerei wird erneut gehoben, der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht.

Auch an der Hamburger Kunsthochschule, die Hering 1946 nun als Student besucht, weht ein frischer Wind: Die Sezessionisten, eine Hamburger Künstlergruppe in der Nachfolge der Fauvisten und der nordischen Expressionisten, dominieren als ehemals NS-Verpönte nunmehr das Kunstgeschehen, stellen die Professoren. Hering studiert bei dem von ihm hochverehrten Willem Grimm. Wichtig sind ihm auch die Mitstudenten, die Jahrgangskollegen, die miteinander debattieren und sich an neuen Sujets und Techniken erproben: Mit ihnen kann er sich fachlich austauschen, hier stößt er auf intuitives Begreifen. Man entwickelt sich gemeinsam, man teilt zeitgemäße Idiosynkrasien:

Denn in der frühen Nachkriegszeit rollt die abstrakte Welle über deutsche Leinwände. Gegenständliches ist passé; Realisten werden verachtet: »derart zwanghaft, dass nur wenige es wagten, bei gegenständlichen Sujets zu bleiben«. Die Abkehr vom Gegenständlichen ist ein Politikum; Abstraktion wird als befreiendes Element von der Diktatur der Nazi-Kunst gesehen und empfunden. »Der Sog war ungeheuer«, erinnert sich Bernd Hering, »nur die Ermüdungserscheinungen haben letztlich zum Ende der abstrakten Phase geführt.«

Auch Hering, der als bedächtiger langsamer Mensch auf Kunstströmungen der Zeit »mit einer leichten Retardierung« reagiert, kann sich diesem Sog vorerst nicht entziehen. Er arbeitet konstruktiv-kubistisch und entwickelt eine gewisse Affektion für kubische Strukturen. Als er diese Phase beendet, hat er den Kubismus zur Wiederverwertung bereits im künstlerischen Handgepäck.

Seine zeichnerische Potenz und sein malerisches Können setzt Hering zur gleichen Zeit in Geld und Naturalien um. Als Auftragsmaler porträtiert er Hunde und reüssiert derart, daß man ihn von Zwinger zu Zwinger weiterreicht. Bei Hagenbeck bekommt der Tierporträtist kleine Kuchen und Rosinen, die von den britischen Besatzern eigentlich für die Zootiere vorgesehen waren. Seine Zeichnungen bringt das Hamburger Abendblatt, Kunsthandlungen schlagen Genrebilder von ihm los, nach dem Motto: »Klein und Hafen geht immer!« In dieser Zeit ist Hering – der akademische Kubist, der Auftrags- und Genremaler, der Restaurator, Illustrator und Gebrauchsgrafiker – entschlossen, Berufsmaler zu werden.

Es ist müßig, darüber nachzudenken, was aus Bernd Hering geworden wäre, wenn er sich in Zeiten knappen Geldes als freischaffender Maler hätte durchschlagen wollen. Stattdessen – oder besser: »nebenbei« – wird er Kunsterzieher an einem Hamburger Gymnasium.

Kunst muss nicht nur hergestellt, sie muss auch verstanden zu werden: Diese grundlegenden pädagogischen Interessen sind die auslösenden Momente seiner zweiten Berufswahl. Das Leben von Bernd Hering pendelt sich ein. Das Leben eines Malers, der sich sein Brot als Pädagoge verdient, aber anders, als viele Lehrerkollegen – vom täglichen Malen nie lassen kann. Verbandsfunktionen, Ehrenämter und Ausstellungen markieren eine weitere Facette seiner Biografie. Privat ist er Ehemann, Vater einer Tochter, später noch Großvater einer Enkelin.

Als Maler bricht er mit der sorglosen, breitpinseligen, breitflächigen Alla-prima-Malerei seiner Studentenzeit; er übt sich in Pinselzeichnungen, fängt farblich von vorne an: Als »Neuanfang« und »Wiederaufbau« definiert er seinen Mittelstil. Alles dies steuert auf das entscheidende Lebensdrittel des Künstlers Bernd Hering zu. Denn sein Ausscheiden aus dem Brotberuf gibt ihm endgültig den Raum, den er für sein malerisches Schaffen braucht. Und für seine späte Leidenschaft: die Bildhauerei.

»Nulla dies sine linea« steht über dem Eingang seines Ateliers im Languedoc, das er den langen französischen Sommer über bewohnt: »Kein Tag ohne Linie« – mitnichten ein kategorischer Imperativ, wie Bernd Hering betont, sondern ein schlichter Indikativ: Ohne seine tägliche Arbeit ist die Person Bernd Hering nicht vorstellbar.

Die äußere Biografie wird im zweiten, mehr noch im dritten Lebensabschnitt zusehends belangloser. Bernd Hering lebt und arbeitet in immer wiederkehrenden Zyklen der Tages- und Jahreszeiten. Fast verwirklicht er eine Zeitlosigkeit, die er in der Natur immer wieder zu finden und abzubilden sucht. Er ist froh, wenn nichts außer der Reihe geschieht. Für seine Bilder ist die ewige Wiederkehr der Dinge sehr zuträglich. Und für Bernd Hering auch.

-be-


Wiedergutmachung: In Laval St. Roman verlor die lokale Marianne kurz vor Kriegsende ihr klassisches Profil: Der Kolbenstoß eines deutschen Besatzers zerschmetterte ihr die Nase. Ein ansässiger Schmied sorgte für Ersatz, der allerdings recht grob ausfiel. Dreißig Jahre später (1975) verhalf Bernd Hering der angeschlagenen Nationalheiligen auf Bitten des Magistrats wieder zu einer adäquaten Nase.