Kultur und Zivilisation

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Bernd Hering
Kultur und Zivilisation
Gedanken & Erinnerungen

Ich auch,“
sagte seine Tochter, die dort saß und ein Hasenfell sauber
schabte, aus dem sie sich ein Kleidchen nähen wollte. „Tja“,
sagte die Frau, „wir haben nichts mehr. Es ist Matthäi am
letzten. Die Reste der Antilopenkeule haben wir gestern gegessen.“
– „Verdammt“, sagte der Mann. Die Tochter sagte
nichts. „Du musst raus und für neues Fleisch sorgen“, sagte
die Frau. „Erst gestern ist eine Antilopenherde vorbei gezogen,“
– „Vorgestern“, sagte die Tochter. „Verdammt“, sagte
der Mann noch mal, nahm seinen Spieß mit der Feuersteinspitze,
die damals als die Speerspitze des Fortschritts galt,
und verschwand im Wald.
Zwei Tage später kam er zurück mit einem Reh auf der
Schulter. „Das ist nun wirklich die höchste Eisenbahn“, sagte
die Frau und machte sich umgehend an die Zubereitung
des Essens.
Nach einer Weile sagte sie: „Ich habe mir Folgendes überlegt.
Wenn Du nicht alle Tiere sofort totschlagen, sondern
einige einfangen würdest, dann könnten wir sie in einem
Gehege neben unserem Lager aufbewahren, hätten dann
immer etwas zur Hand und wären nicht auf zufällig vorbeiziehende
Antilopenherden angewiesen.“
„Wie sich das trifft“, sagte der Mann. „Zwei Seelen und ein
Gedanke. Wenn Du nämlich die Körner, die Du im Wald
findest, nicht gleich zu Brei verkochtest, sondern ein paar
von ihnen einpflanzest, dann könnten wir sie direkt vor der
Haustür ernten und Du müsstest nicht wieder in den Wald,
wo die Wölfe sind.“ „Dann hätten wir auch immer was zu
Essen“, sagte die Frau. „Das wäre schön“, sagte die Tochter.
Zweites Kapitel
Genau tausend Jahre später saß dieselbe Familie auf einer
Bank vor ihrer sauber gebauten Schutzhütte. Auf der einen
Seite neben der Hütte war ein Gehege, in dem einige Antilopen
grasten, Auf der anderen Seite lagen hinter einem Gatter
ein paar zufrieden grunzende Schweine. Im inneren der
Hütte war ein moderner Herd, auf dem man Kochen und
Backen konnte.
An der Wand entlang stand eine Reihe von wohlgeformten,
grossen Tonkrügen, welche die Frau hergestellt hatte, um ihre
Lebensmittelvorräte darin aufzubewahren. Sie waren mit
geometrischen Mustern verziert. „Ich nenne sie immer meine
Linearbandkeramik“ sagte die Frau.
Die Abendsonne beleuchtete ein Kornfeld, in dem goldene
Ähren sanft im Abendwind hin- und herschwankten. Die
Tochter spielte dazu liebliche Melodien auf einer Rohrflöte.
Es gab noch mehr, noch viele solcher und ähnlicher Hütten
inmitten der wogenden Kornfelder. Viele Menschen hatten
sich hier niedergelassen und die unwirtliche Wildnis in
fruchtbares Ackerland verwandelt. Man hatte den Pflug erfunden
und damit den Boden bezwungen. Das Land war
‚kultiviert’, denn ‚colere’ (der Ursprung des Wortes ‚Kultur’)
heißt: das Feld bestellen und pflügen.
Die Hütte der Familie lag auf einem leichten Hügel. Von
dort aus hatte man einen wundervollen, weiten Blick auf den
vom Abendlicht beschienenen bunten Flickenteppich der
Felder.
„Ist das nicht schön?“ sagte die Tochter. „Macht aber viel
Arbeit“, sagte der Mann.
Drittes Kapitel
In diesem Kulturland war das Leben anders und vielfach
leichter als zur Zeit der Jäger und Sammler. In der Zeit zwischen
Saat und Ernte gab es eine Art Ruhepause, die Gelegenheit
bot, darüber nachzudenken, wie man das Leben
praktischer und angenehmer gestalten könnte. Man konnte
für die Zukunft planen.
Die Jäger konnten das nicht. Jede Jagd war ein Abenteuer.
Wenn man einem Tier hinterher rennt, wenn man vor einem
Raubtier davonrast, dann sind das nicht die besten Bedingungen
für ein kontemplatives Nachdenken. Man lernt, eine
Situation rasch einzuschätzen, Man lernt, spontan zu reagieren,
schnelle Entschlüsse zu fassen. Man lernt, die Gelegenheit
beim Schopfe zu fassen.
Doch all dem fehlt ein konstruktives Element: es fehlt die
Zeit, die man braucht, um eine Arbeit langfristig zu planen.
Der Jäger hat eigentlich keine Zukunft. Er lebt in und aus
dem Augenblick heraus. Er lebt von einem Augenblick zum
anderen. Der Jäger braucht alle Kraft, um zu überleben. Und
all seine Kraft ist damit verbraucht.
Es ist kennzeichnend, dass Jägervölker nur eine geringe Entwicklung
aufzuweisen haben. Sie ruhen in sich. Sie sind in
sich perfekt gewappnet für den Augenblick der Gefahr, welcher
dem Paradoxon unterliegt, dass die Gefühle zwar
immer gleich sind, dass die Situation aber jedes Mal eine
andere ist.
Ganz anders die Ackerbau- und Viehzucht treibende Gesellschaft
mit ihren Zukunftsvisionen. Denn: eine Saat in den
Boden tun, heißt in die Zukunft investieren. Man muss auch
warten lernen, sich in Geduld üben. Ein Reifungsprozess
lässt sich nicht beschleunigen. Die neue Zeit verlangt neue
Qualitäten. An die Stelle der raschen Reaktion tritt das vorausschauende
Planen. An die Stelle des Augenblicks tritt die
Dauer.
Mit der Kultivierung des Landes beginnt auch eine neue
geistige Kultur, die in der Gesamtheit der Lebensführung ihren
Ausdruck findet.
Viertes Kapitel
Von der Schutzhütte bis zum Palast, zum Rathaus und zum
Opernhaus, von der Rohrflöte bis zum Symphonieorchester
war es ein weiter, beschwerlicher Weg. Er war immer gekennzeichnet
von dem Bestreben, die Grundlagen, die Bedingungen
des Lebens zu verbessern, das Leben leichter,
angenehmer und schöner zu machen. Generation auf Generation
setzte ihre Erfindungskraft dafür ein, eigene Antworten
für die Probleme zu finden, welche die Umwelt ihr jedes
Mal aufs Neue bot.
Die leichteren Lebensbedingungen führten zu einem rapiden
Bevölkerungswachstum und damit zu der Frage, wie diese
vielen Menschen in der neuen Kulturlandschaft leben konnten
und sollten.
Denn die zunehmende Zahl der Menschen brachte Probleme.
Nicht nur die Enge des Zusammenlebens, auch die Spezialisierung
brachte neue Schwierigkeit mit sich. Ein Jäger
konnte einfach alles. Er machte alles selbst und sorgte für
sich selbst. Das war in der Masse nicht mehr möglich. Es
gab jetzt Berufe wie Zimmermann, Maurer und Bäcker. Die
Menschen boten ihre Dienstleistungen an. Es wurde gehandelt.
All das musste geregelt werden. Es ging nicht mehr mit Gewalt
und dem Recht des Stärkeren. Deshalb wurden aus den
Regeln des Zusammenlebens Gesetze, die die friedliche Existenz
der Menschen gewährleisten sollten. Die Bürger, die
‚civis’ sollten durch die Gesetze zu einem friedlichen Miteinander
gebracht werden. Sie wurden ‚zivilisiert’.
Die zivilisatorische Dimension ist das Verhalten der Menschen
untereinander, das Mittel zur Verwirklichung der Zivilisation
sind die Gesetze, das Ziel ist der Frieden. Der
Maßstab all dessen ist die Gerechtigkeit. Sie umfasst die
Verwaltung, die Rechtsprechung und den gesamten sozialen
Bereich.
Die Kultur dagegen befasst sich mit der Umwelt und deren
Formung und zielt darauf ab, schönere Lebensverhältnisse
und eine bessere Lebensqualität zu schaffen.
Fünftes Kapitel
Die Familie lebte nun, mehrere tausend Jahre später, in einer
der neu entstandenen Städte, die mit ihrer grossen Einwohnerzahl
und wachsender Infrastruktur auch neue Schwierigkeiten
boten. Die Frau sagte: „Der Bäcker betrügt uns. Die
Brötchen werden immer kleiner und die Preise immer höher.“
– „Verdammt“, sagte der Mann. „Ich gehe rüber und
haue ihm eins über die Rübe!“ – „Das geht nicht“, sagte die
Tochter. „Und warum nicht?“ fragte der Mann. „Das ist gegen
die Gesetze“, sagte die Tochter. „Du musst zum Richter
gehen und Dich beschweren. Der regelt das dann.“ – „Das
werde ich auch tun,“ sagte der Mann. Gesagt, getan. Der
Richter (er war ein gerechter Richter) schickte einen Polizisten
und der haute dem Bäcker eins über die Rübe. Nach einem
fairen Prozess. Das war das neue Gewaltmonopol des
Staates.
Eine ganze Kulturgeneration später hat sich das Justizwesen
im Imperium Romanum noch weiter entwickelt. Den Satz
„civis romanus sum“ könnte man eigentlich als Grundlage
des römischen Weltreichs betrachten. Mit diesem Satz fühlte
man sich als römischer Bürger sicher und gut aufgehoben
als Teil einer großen Gesellschaft. Trotz der Expansionskriege
gegen die Parther, Gallier und andere war der Frieden
innerhalb des Reiches gesichert – dank einer beispielhaften
Verwaltung und Rechtsprechung. Diese zivilisatorische
Leistung wurde begleitet von kulturellen Errungenschaften
wie das Colosseum, Theater, Aquädukte, Brücke und Straßen,
die das Leben der Bevölkerung erleichtern und verschönern
sollten.
Die Unterscheidung zwischen den beiden Errungenschaften
ist manchmal schwierig, weil sie sich überschneiden und
verzahnen und häufig in einem einzigen Handlungsstrang
vereint sind. Beim Bau eines Altersheims zum Beispiel ist
allein schon die Entscheidung dafür sowohl kulturell als
auch zivilisatorisch zu begründen. So kann man die Bemühungen
des Architekten, das Haus wohnlicher, anheimelnder
und schöner zu gestalten als einen kulturellen Akt bezeichnen,
während die Verwaltung des Hauses und die Betreuung
der Patienten – ob hilfreich oder nachlässig – unter zivilisatorischen
Aspekt zu betrachten sind.
Doch in der Gesamtheit der Bemühungen – von der Planung
bis zur Fertigstellung und der Nutzung – ist kaum ein Unterschied
feststellbar. Die Gemeinsamkeit von kulturellen und
zivilisatorischen Anstrengungen könnte man deshalb darin
sehen, wie man sagt, die Lebensqualität zu erhöhen.
Sechstes Kapitel
Der Versuch, einzelne Gebiete der Kultur und der Zivilisation
zuzuordnen, ist immer wieder gemacht worden und meist
sehr unterschiedlich ausgefallen. Durch eine ideologische
Brille betrachtet, wird die Zivilisation oft als eine mindere
Stufe der Kultur betrachtet, die nur auf das Materielle und
Äußerliche ausgerichtet ist, während die Kultur sich in hohen,
geistigen Sphären bewegt – als würde man Beethoven
und das WC miteinander vergleichen. Es liegt auf der Hand,
dass dies eine Betrachtungsweise ist, die nur dazu dient, seinen
eigenen ideologische Standpunkt zu rechtfertigen.
Genauer betrachtet, könnte kein Standpunkt irriger sein. Genauso
wie die Zahnbürste und der Aquädukt im alten Rom,
gehört das WC zu den kulturellen Errungenschaften, die dazu
dienen, die Lebensbedingungen zu verbessern und zu
verfeinern. Die Zivilisation dagegen dient – wie bereits
mehrfach ausgeführt – dem friedlichen Zusammenleben der
Menschen und der Wahrung der Menschenwürde.
Der Mann war inzwischen Verwaltungsbeamter (Quaestor)
in der provincia, dem römischen Teil Galliens geworden –
und die Familie sollte nach Nemausus (Nîmes) übersiedeln.
„Au fein“, sagte die Tochter. In Nemausus ist fix was los, da
hat man gerade eine neue Arena gebaut. Übrigens soll auch
die Wasserversorgung mit dem neuen Aquäduct sehr gut
sein.“ – „Da hast Du Recht“, sagte der Mann, „aber auf dem
Lande soll es noch wild zugehen. Es wird Zeit, dass wir die
Gallier mit unserem römischen Recht ein wenig zivilisieren.“
Der Mann fuhr voraus, um der Familie in Nemausus ein
angemessenes Quartiert zu besorgen. Als er abfuhr, sagte
die Frau: „Vergiss Deinen Kulturbeutel nicht.“ – „Meinen
was?“ – fragte der Mann. „Die Tasche, in die Du Dein Rasierzeug
und Deine Zahnbürste tust“ sagte der Frau. „Und
wieso Kulturbeutel?“ fragte der Mann. „Das sind doch die
Dinge, die Du brauchst, um gepflegt und kultiviert auszusehen“,
sagte die Tochter. „Wenn Ihr das so seht, habt Ihr
Recht“, sagte der Mann.“
Wir haben also einen Kulturbeutel, keinen Zivilisationsbeutel.
Was auch immer der Inhalt im Einzelnen sein mag, er
macht uns und das Leben schöner und angenehmer, nicht
geordneter und friedlicher.
Siebtes Kapitel
Der Gebrauch des Wortes ‚Kultur’ hat nahezu inflationäre
Formen angenommen. Alles und jedes, das sich charakteristisch
erfassen lässt, wird als ‚Kultur’ bezeichnet, wobei zumeist
das verfeinernde Element gemeint ist. Es gibt eine
Wohnkultur, eine Esskultur und sogar eine Streitkultur. Ihr
Hauptinteresse sollte darin liegen, diesen möglichst zu vermeiden.
Die zunehmende Verschwommenheit des Begriffs bringt die
Gefahr mit sich, dass man das Wesentliche aus den Augen
verliert: Nämlich die Umwandlung von Wildnis in fruchtbares
Land und die Umwandlung von Wildheit in Mäßigung.
Die Kultur wendet sich in erster Linie den Dingen zu. Mit
der Entwicklung von Handwerk, Technik und Wissenschaft
werden dem Menschen immer feinere, präzisere und wirkungsvollere
Werkzeuge an die Hand gegeben, um seine
Umwelt zu gestalten. Man kann diese Entwicklung selbst als
ein kennzeichnendes Merkmal der Kultur betrachten. Wenn
diese jedoch dem olympischen Motto ‚altiter, fortiter, celeriter’
folgt, entfernt sie sich immer weiter von ihrem Urgrund,
nämlich der Natur, die sie pflegen, aber nicht ersetzen soll.
Parallel zu der materiellen, der gegenständlichen Kulturentwicklung
kann auch bei der Geisteskultur (cultura animi) eine
solche Entfremdung durch zu große Verfeinerung und
Überspitzung stattfinden – z.B. durch die Ritualisierung ursprünglich
vernünftiger Handlungen.
Die Familie lebte seinerzeit in Paris, dem kulturellen Mittelpunkt
der Welt. Die Sitten vom Hofe des Sonnenkönigs waren
inzwischen auf die aufblühende Bourgeoisie durchgeschlagen.
Der Bürger fühlte sich als Edelmann. Die Manieren
hatten sich derart verfeinert, dass man sich siezte, wenn
man sich morgens im Spiegel sah. Die Eltern siezten sich
gegenseitig. Das war der Tochter zuviel: „Ihr müsst Euer
Leben ändern“, sagte sie, „Ihr müsst Rousseau lesen!“ –
„Was schreibt der denn?“ fragte der Mann. „Zurück zur Natur“,
sagte die Tochter. „Geht das denn überhaupt?“ fragte
der Mann. „Man kann es ja mal versuchen“, sagte die Frau.
„Auch fein“, sagte die Tochter.
Achtes Kapitel
Man sieht besonders bei Hochkulturen eine bestimmte
Gesetzmäßigkeit, bei der sie langsam zur Blüte kommen und
nach Erreichung des Gipfels wieder zerfallen oder von anderen
abgelöst werden (Ägypten, Mesopotamien, Kreta, Mykene
etc.)
Diesen Verlauf könnte man mit einer Entfernung von der
Natur erklären, denn diese ist es, welche die Kraft hat die
Dinge hervorzubringen, während die Kultur, d.h. der
Mensch, nur ordnend eingreift. Nehmen die Eingriffe überhand,
so setzt eine Kulturkritik ein, wie zum Beispiel bei
Rousseau. Das ‚kultivierte’ Verhalten des Menschen wird
kritisiert, der ‚Wilde’ wird als Vorbild dargestellt. Auch
Goethe beschwört in den ‚Zahmen Xenien’ das Amerika,
das es besser hat, weil dem Land ‚zu lebendiger Zeit unnützes
Erinnern und vergeblicher Streit’ erspart bleibt.
Auch wenn eine kritische Einstellung gegenüber der Kultur
teilweise durchaus vernünftig erscheint, so geht sie oft zu
weit, meist aus ideologischen Gründen. Wenn ein berufsmäßiger
Kulturpessimist behauptet, die Zivilisation sei das Ende
einer sich auflösenden seelenlosen Kultur, so zeigt das
nur, dass Irren menschlich ist.
Frau und Tochter arbeiten jetzt in Genf (der Mann ist inzwischen
pensioniert) bei der WFO (Welt-Frauen-
Organisation), hauptsächlich in Krisengebieten. „Was macht
Ihr denn da“ sagt der Mann. „Wir versuchen, mit zivilisatorischen
Maßnahmen die kulturellen Differenzen in den Griff
zu bekommen“, sagt die Frau. „Hm“, sagt der Mann. „Sei
nicht so pessimistisch, Papa, die Lage ist auch so schon
schwierig genug.“, sagt die Tochter.
Neuntes Kapitel
Was jedoch bedenklich bleibt, ist die bedauerliche Tatsache,
dass die Eingriffe in die Natur bei der Kultivierung der
Landschaft Ausmaße annehmen können, die ihrem eigentlichen
Sinn widersprechen, wenn nämlich Ausbeutung an die
Stelle der Pflege tritt und blühende Landschaften in Karst
und Wüste verwandelt werden. So beispielsweise der entwaldete
teilweise verödete Mittelmeerraum oder die Abholzung
des Regenwaldes.
In der Antike konnte man noch glauben, neue Welten erobern
zu können, um ‚anderswo’ neue Ressourcen zu erschließen.
Seit der Globalisierung gibt es kein anderswo’
mehr, denn die Vernichtung des Regenwaldes hat weltweit
klimatische Folgen.
Nur nachhaltige Wirtschaft und Regeneration können der
Natur helfen, denn die Natur ist es ja, die nimmt und gibt.
Man kann nur mit der Natur leben und nicht gegen sie. Hier
könnte die ‚Geisteskultur’ einer rein materiell eingestellten
‚Ackerbaukultur’ helfen, Einsichten zu gewinnen und Maßstäbe
zu setzen, sonst zeigt die Natur immer mehr mit Wirbelstürmen,
Erdbeben, Vulkanausbrüchen und Überschwemmungen,
wer hier Herr im Hause ist.
Zehntes Kapitel
Wie schön wäre ein von Kultur und Zivilisation geprägtes
Zusammenleben – doch die Verhältnisse, die sind nicht so.
Der größte Feind der Kultur ist nicht die Natur, sondern der
Mensch. Seine zerstörerischen Energien vernichten alles,
was die Kultur aufgebaut hat und was die Zivilisation zu erhalten
versucht. Man behauptet oft, dass Kultur und Zivilisation
verweichlichen. Das ist falsch, denn Arbeit verlangt
genauso viel Kraft wie der Kampf – und die Zivilcourage
wiegt jeden soldatischen Mut auf.
Der Krieg und die Soldateska sind die absoluten Gegenpole
zur Kultur und Zivilisation. Man braucht sich nur ein Bild
von dem Schlachtfeld bei Verdun zu machen oder von den
bombenzerstörten Städte im Zweiten Weltkrieg und sie mit
dem Bild einer blühenden Ortschaft zu vergleichen, um sich
über den Unterschied von destruktiven und konstruktiven
Kräften klar zu werden. Dabei ist die Zerstörung der Städte
kein bedauerlicher Collateralschaden, sondern das erklärte
Ziel. Der Feind muss ‚vernichtet’ werden. „Serbien muss
sterbien“.
Das Werkzeug, mit dem die Machthaber das Ziel der
Vernichtung zu erreichen versuchen, ist das Militär. Es ist
ein atavistisches Relikt aus der vorzivilisatorischen Zeit.
Während früher Stammesgruppen übereinander herfielen
und sich gegenseitig abschlachteten, tun das heute Nationen.
Und zwar millionenfach. Der Krieg ist, laut Clausewitz, die
Fortführung der Politik mit anderen Mitteln. Anders ausgedrückt
heisst das, dass in der Politik selbst die Wurzeln der
Zerstörung liegen.
Der Soldat und der Zivilist stehen sich gegenüber. Während
der eine bewusst auf die Gewalt verzichtet, ist der andere
darin ausgebildet und gedrillt, andere Menschen zu töten.
Wenn trotzdem in der öffentlichen Meinung der Soldat der
angesehenere ist, so ist das der unermüdlichen PR-Arbeit
der Autoritäten zu verdanken, die mit Sätzen wie – ‚der erste
Mann im Staat ist der Soldat’ – ein Interesse daran haben,
den guten Ruf der Stützen ihrer Macht zu erhalten.
Das Mittel für die Erhaltung des guten Rufs des Militärs ist,
neben dem Nationalstolz, das Feinbild. Der Feind ist immer
böse. Es ist der Erzfeind oder der Erbfeind. Er will über uns
herfallen. Dagegen müssen ‚wir’ uns verteidigen. Das wirklich
Tragische an dieser Situation ist, dass auf der anderen
Seite (z.B. des Rheins!!) immer jemand sitzt, der versichert,
dass ‚wir’ schuld seien, und ‚sie’ sich nur verteidigen müssten.
Das vollkommene Spiegelbild – und ein unlösbares
Problem.
Elftes Kapitel
Die Familie, inzwischen um zwei Enkelsöhne vermehrt, lebte
nun in Vevey am Lac Léman. Der Mann, ein ehemaliger
Legationsrat, hatte nach seiner Pensionierung begonnen,
sich für Politik zu interessieren und verfolgte seitdem in den
Gazetten aufmerksam das Weltgeschehen.
„Sie können sich im Nahen Osten wieder nicht einigen. Jeder
gibt dem anderen die Schuld“, sagte er. „Das ist genau
wie bei Peter und Michael“, sagte die Tochter, „immer
wenn die beiden sich streiten, behauptet jeder, der andere
hätte angefangen,“ sagte die Tochter.
„In beiden Fällen fehlt die Einsicht,“ sagte die Frau. „Die
Einsicht nämlich, dass nicht der Gegner das Böse ist, sondern
die Gewalt selbst – und die Dummheit.“ Das sagte die
Frau. „Gewalt und Dummheit auf der eigenen Seite?“ Das
ist schwer für die Kinder einzusehen,“ sagte die Tochter.
„Und für die Regierungen anscheinend auch,“ sagte der
Mann.
Wenn zwei Nationen Krieg gegeneinander führen, so reiben
sie ihr Kräftepotential gegenseitig auf und vernichten es
weitgehend. Wenn sie stattdessen ihre Kräfte vereinen würden
und damit gegen die eigentlichen Feinde der Menschheit,
nämlich Krankheit, Dummheit, Armut und Hunger,
gemeinsam vorgingen, so wäre dies eine wirklich kulturelle
Tat. Es könnte so die konstruktive Arbeit miteinander an die
Stelle des destruktiven Kampfes gegeneinander treten.
Dass eine solche Änderung möglich ist, zeigt uns die Tatsache,
dass wir heute nicht mehr ‚siegreich Frankreich schlagen’
oder ‚gegen Engelland fahren’ wollen. Aber warum eigentlich
nicht mehr? Wer oder was hat sich verändert?
In Anerkennung der internationalen Situation hat die
UNESCO die Institutionalisierung des Weltkulturerbes geschaffen.
Es handelt sich dabei um besonders ausgewählte
Monumente, welche die Schaffenskraft des Menschen dokumentieren.
Zumeist sind dies städtebauliche oder landschaftsgestalterische
Anlagen, die über die ganze Welt verteilt
sind. Sie sollen gepflegt und geschützt werden, um
möglichst in ihrem status quo erhalten zu bleiben. Nach
Möglichkeit sollen sie auch im Fall einer kriegerischen Auseinandersetzung
verschont bleiben, damit die Überlebenden,
sofern es welche gibt, später noch ihre Freude daran haben.
Wäre es nicht eine praktische Idee, einfach die ganze Welt
zum Kulturerbe zu erklären, um sie so vor der Vernichtung
zu bewahren?