Erziehung & Bildung

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Bernd Hering
Erziehung & Bildung
Gedanken und Erinnerungen

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Bernd Hering
Erziehung & Bildung
Gedanken und Erinnerungen
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Laval St. Roman
2009
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Vorwort
Es ist eine bedauerliche Tatsache, dass so häufig kontrovers über Erziehung
und Bildung gestritten wird – welche von beiden notwendiger, grösser,
schöner oder sonstwas sei. Die Sache wäre noch unverständlicher, wenn es
nicht ganz offensichtlich wäre, dass diese Diskussionen von ideologischem
Standpunkt aus geführt werden. Manchen Leuten passen manche Dinge
eben nicht in ihr Weltbild.
Dabei ist es völlig klar, dass beide grundverschieden, von ganz eigenständiger
Natur und damit eigentlich unvergleichbar sind. Das einzig gemeinsame
ist nur, dass beide gleichermaßen unverzichtbar für die Entwicklung des
Menschen sind.
Genauso unsinnig wäre es, sich darüber zu streiten, was für die Entwicklung
des Menschen wichtiger sei: Essen oder Trinken. Jede erfahrene Hausfrau
und jede Ernährungswissenschaftlerin weiß, dass eine harmonische,
ausgewogene Zusammenstellung von beiden erst den gesunden Menschen
hervorbringen. So sollten auch Erziehung und Bildung in harmonischer Übereinstimmung
zur Entwicklung des Menschen beitragen.
Aber was ist Erziehung und was ist Bildung? Eine Scheibe Brot und ein
Glas Milch sind leicht zu unterscheiden und ihren Kategorien zuzuordnen.
Aber wie sieht es bei Erziehung und Bildung aus? Es gibt eine Vielzahl von
Definitionen für beide. Auf Seiten der Erziehung: Vom Kasernenhofdrill,
der die Entpersönlichung zum Ziel hat, bis zur freundlich verständnisvollen
Begleitung eines Menschen bei seinem Sozialisationsprozess. Auf der Bildungsseite
haben wir die mechanistisch unzusammenhängende Anhäufung
von Wissen im Stil des ‚Konversationslexikons’ – am anderen Ende die
volle, harmonische Entfaltung und Ausbildung der natürlichen Anlagen des
Menschen.
Gewöhnlich ist es so, dass bei einem Aufsatz das Resümee am Ende steht
und dort die behandelten Probleme zusammenfasst. Diesmal ist es anders:
Das Resümee soll am Anfang stehen und die Leser/innen durch den ganzen
Text begleiten.
Nein! Erziehung und Bildung widersprechen sich nicht – und keines ist besser
als das andere.
Ja! Beide sind eigenständiger Natur, beide sind gleich notwendig – und nur
beide gemeinsam können dazu verhelfen, dass aus dem Menschen ein
Mensch wird.
Dazu gibt es jedoch noch einige Überlegungen.
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Kapitel 1
Wenden wir uns zuerst der Erziehung zu. Das Wort ‚Erziehung’ ist der Ve rsuch
der Übersetzung des lateinischen Wortes ‚educatio’, welches so viel
wie „Herausführung“ bedeutet (herausführen aus was?). ‚Erziehung’ bede utet
aber eigentlich so etwas wie ‚Hineinführen’ (wohin?). Aber statt uns mit
etymologischen Problemen zu befassen, betrachten wir lieber wie sich die
Sache konkret gestaltet.
Von welcher Seite man auch die Erziehung betrachtet, es handelt sich immer
um das Verhalten der Menschen zueinander. Ob man die guten oder
schlechten Manieren nimmt, die einer guten oder schlechten Erziehung zu
verdanken sind, ob das Verhalten im Team oder am Arbeitsplatz, immer
sind mehrere Menschen beteiligt. Dass man Verständnis füreinander hat,
dass man Rücksicht aufeinander nimmt, dass man sich nicht vordrängt, aber
ebenso seinen Platz behauptet und sich nicht zurück drängen lässt, sind Art
und Weisen, die über Hac kordnung und Rudelverhalten hinaus gehen, oder
zumindest hinaus gehen sollten. Die Tatsache, dass in der tierischen
Rangordnung das Recht des Stärkeren herrscht und als natürlich gilt, heißt
noch lange nicht, dass dies auch im menschlichen Zusammenleben
natürlich sein muss. Ein Mann braucht nicht die zwei Kinder einer Witwe
aufzuessen, um diese empfängnisbereit zu machen, bloß weil dies die
Löwen auch tun.
Der Affe hat von Natur aus einen Greifschwanz, um nicht vom Baum zu
fallen. Der Mensch hat von Natur aus Intelligenz, um besser zu leben. Diese
menschliche Intelligenz erlaubt es ihm, sich in einer Situation zweckentsprechend
zu verhalten und aus einer Distanz heraus, sich selbst zu beobachten
und festzustellen, ob seine Handlungsweise auch rechtens war. Der
Mensch handelt also durchaus ‚natürlich’, also seiner Natur entsprechend,
wenn er sich nicht so verhält wie ein Löwe.
Diese Distanz zu sich selbst, diese Möglichkeit der Reflexion ist eine Entwicklungsstufe,
eine neue Dimension. Innerhalb dieser Dimension Regeln
für das menschliche Zusammenleben zu finden, ist eine Aufgabe der Erziehung.
Diese Regeln begleiten die Einführung des Menschen in die Gemeinschaft,
also das, was man gemeinhin als Sozialisationsprozess bezeichnet. Sie umfassen
nicht allein die eigenen Verhaltensweisen, sondern auch in zune hmendem
Maße das Verständnis für das Verhalten und die Bedürfnisse anderer.
Dieser Weg ist außerordentlich schwierig, denn er geht eigentlich gegen
die menschliche Natur.
Wieso das so ist, muss man näher betrachten.
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Kapitel 2
Betrachten wir zunächst das Baby. Unsentimental gesehen, ist es ein Wesen,
das nur Lutschen, Kacken und Schreien kann und von existentieller
Hilflosigkeit geprägt ist. Würde man es sich selbst überlassen, wäre es nach
kurzer Zeit tot. Das Lutschen und das Kacken sind rein vegetativer Natur,
während das Schreien in den spirituellen Bereich hinein reicht. Es ist das
einzige Kommunikationsmittel der Babys. Man muss verstehen, dass die
Schreie des Babys Hilferufe sind, um sich aus seiner Hilflosigkeit zu erlösen.
Mit dem Schrei teilt das Baby mit, dass es Hunger hat, dass es friert,
dass es Schmerzen hat, dass es einsam ist und menschliche Nähe und Wärme
braucht.
Dies alles nur mit einem einzigen Schrei. Es gibt zwar Unterschiede zwischen
einem zornigen: „Wann kommt denn endlich jemand, verdammt noch
mal!“ Und einem wehleidigen: „Mir tut das Bäuchlein weh.“ Musikalisch
begabte und einfühlsame Mütter, können dies hören. Aber normalerweise
steht man diesem Schrei ratlos gegenüber. Das Baby ist enttäuscht, dass
man es nicht versteht und gibt dieser Enttäuschung durch weitere Schreie
Ausdruck, weil es sich (nach dem Stand seiner Erfahrungen völlig zu recht)
für den Mittelpunkt der Welt hält.
Diesem Kommunikationsproblem kann nur abgeholfen werden durch die
Vorwegnahme der Mangelerscheinungen. Bekommt das Baby regelmäßig
seine Nahrung, braucht es nicht vor Hunger zu schreien. Wenn man es regelmäßig
frisch in Windeln wickelt, braucht es sich nicht zu beschweren.
Bekommt es regelmäßig seine Streicheleinheiten, braucht es sie nicht lauthals
zu reklamieren.
Dabei handelt es sich in erster Linie nicht darum, das Baby ruhig zu stellen
(Stimmen! Stillen?), sondern darum, das Baby in den geregelten Tagesablauf
der ganzen Familie einzubinden.
Regelmäßigkeit ist eine Erziehungsmaßnahme, über die nicht viel geredet
werden muss. Was bleibt, ist die Aufgabe, das Baby davon zu überzeugen,
dass es nicht der Mittelpunkt der Welt ist.
Kapitel 3
Man steht vor einer doppelten Aufgabe, wenn man das Baby davon abhalten
will, sich für den Mittelpunkt der Welt zu halten und es gleichzeitig aus
seiner Hilflosigkeit herausführen möchte. Der erste Teil zielt darauf ab, das
Baby in die Gemeinschaft der Familie einzubinden, der zweite, ihm selbständige
Handlungsfähi gkeit zu vermitteln.
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Das Baby hat seine egozentrische Weltbetrachtung ja nicht aus Bösartigkeit,
sondern sie ist das natürliche Resultat seiner bisherigen begrenzten
Erfahrungen: Kaum schreit man, schon kommt jemand und kümmert sich.
Es ist sehr schwer einzusehen, dass das nicht so weitergehen kann. Doch
mit der Erweiterung des Umgangs und des Erfahrungsbereichs werden die
Verhältnisse immer komplizierter. Es treten neue Wesen auf mit eigenen
Ansprüchen und Forderungen. Kommt auf das Baby eine Forderung zu, so
fragt es sich: wieso ich? Diese Frage muss ausreichend beantwortet werden.
Ist das nicht der Fall, so steht das Kind, sobald es nicht mehr das Baby ist,
der Welt verständnislos gegenüber. Das ist sicher kein Ziel der Erziehung.
Auf dem (gleichzeitigen!) Weg zur Selbständigkeit kommt das Kind einem
entgegen. Es hat das natürliche Bedürfnis, selbst etwas zu tun. Sollte es gelingen,
diesen Drang zur Selbständigkeit als Vehikel zum Abbau der egozentrischen
Einstellung zu nutzen, so ist dies ein Glücksfall. Jedenfalls ist
es wichtig, das Problem im Auge zu behalten, denn die Aufrechterhaltung
der egoistischen Grundhaltung kann ebenfalls kein Erziehungsziel sein.
Kapitel 4
Die Erziehung beginnt mit dem Anlegen der ersten Windel. Wem dies zu
früh erscheint, sollte an die Größe der Aufgabe und an die Schwierigkeit
des langen Weges denken.
Wenn Sie morgens in den Spiegel schauen – beim Rasieren und/oder beim
Zähneputzen, was sehen Sie da? Sie sehen ein Wesen groß, stark, schön,
tatkräftig und energisch, vernünftig und einsichtsvoll, urteilsfähig, mitfühlend,
kompetent, leistungsfähig, gutwillig und gutmütig, ausdauernd, zielstrebig,
einsatzbereit und ausdauernd. Vergleichen Sie dies nun mit dem
hilflosen Bündel vom Anfang, dann sehen Sie, was mit den Schwierigkeiten
des weiten Weges gemeint ist.
Die meisten dieser Eigenschaften wären ohne Erziehung nicht zustande gekommen.
Zwar wächst der Mensch bei hinreichender Ernährung fast von
selbst, aber meist nur rein quantitativ. Die Form, in welcher der Mensch
sich darstellt, seine Haltung und sein Verhalten sind durch Bildung und
Erziehung geprägt. Dabei liegt es auf der Hand, dass der Einsatz und
Einfluss der Erziehung mit dem ‚natürlichen’ Wachstum Hand in Hand
gehen sollte.
Es gibt gewisse Zeitpunkte innerhalb der Entwicklung, an denen bestimmte
Lernprozesse am besten, oder wenigstens besser greifen, und es ergeben
sich Nachteile, wenn man diesen Zeitpunkt versäumt. Fängt man z.B. mit
dem Gehenlernen zu früh an, droht die Gefahr, dass die Beine krumm we rden.
Beginnt man damit zu spät an, bleibt eine gewisse Ungelenkheit zu
befürchten.
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Ziele und Methoden der Erziehung sind aber auch regionalen Einflüssen
unterworfen. Unser ganzes Lernsystem ist darauf ausgerichtet, wie wir mit
unserer Umwelt zurecht kommen. Wir Europäer beurteilen die ganze Welt
nach den Standards, die wir aus unserer Lebenssituation heraus entwickelt
haben. Wenn uns ein Buschmann danach beurteilen würde, wie wir mit seiner
Überlebenssituation zurecht kommen, würde er uns für ziemlich beschränkt
halten.
Erziehungsziele und -methoden wechseln aber auch von Generation zu Generation.
Der sogenannte Generationskonflikt äußert sich vor allem deshalb
zwischen Eltern und Kindern, weil hier durch den direkten Kontakt die
Reibungsfläche am größten ist. Im Grund handelt es sich dabei um einen
einfachen und natürlichen Vorgang, dass nämlich ein junger Vogel irgendwann
sein Nest verlassen muss. Da eine Trennung immer schmerzlich ist,
versucht man äußere Gründe zu finden, die diese Trennung nötig machen.
Dabei werden Feindbilder aufgebaut, die einer näheren Betrachtung in der
Regel nicht standhalten. Trotzdem wiederholt sich der Vorgang von Generation
zu Generation, weil die Väter meistens vergessen, wie sie sich als
Söhne verhalten haben.
Kapitel 5
Erziehung ist nicht (nur) der Befehl: „Sitz gerade!“ und „Sei pünktlich wi eder
zuhause!“, sondern Erziehung ist (auch), wenn Eltern gerade sitzen und
pünktlich wieder zuhause sind.
Dieser Vorbildcharakter ist von Anfang an von grundlegender Bedeutung.
Das Baby braucht jemand, an den es sich halten kann, hilflos wie es ist, und
bei dem es Sicherheit und damit sich selbst findet. Diese Bezugsperson (ein
Ausdruck, der ebenso sachlich richtig wie gefühlsmäßig falsch ist), bildet
den Dreh- und Angelpunkt der kindlichen Entwicklung. Die Bezugsperson
kann zwar wechseln, aber immer sucht der Heranwachsende jemand, an der
er sich halten kann.
Fehlt dieser Halt, oder stellt er sich als trügerisch heraus, so bricht für das
Kind das gesamte Sicherheitssystem zusammen. Mit unabsehbaren Folgen.
Das heißt (leider), dass das gesamte Tun und Lassen der Erwachsenen von
erzieherischer Bedeutung ist.
Kapitel 6
Im Zusammenhang mit der Erziehung soll man die Disziplin nicht vergessen.
Dieses Wort ist leider vom Militär usurpiert und völlig korrumpiert
worden. Es wurde mit ‚Gehorsam’ gleichgesetzt und bis zum „Kadavergehorsam“
verbogen. Dabei kennzeichnet es – oder sollte das zumindest – ein
schülerhaftes Verhalten, vom lateinischen ‚discipulus’ = der Schüler. Mit
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dem Wort ‚Disziplin’ lassen sich also Lernprozesse beschreiben, das Ke nnenlernen
von etwas Neuem. Das bedingt Offenheit, Aufnahmebereitschaft,
Aufmerksamkeit und auch zielgerichtete Konzentration. Disziplin ist die
Haltung, die Menschen das Lernen erleichtert. Sie dient damit der Befriedigung
von Neugier. Der Haken daran ist, dass man nicht immer auf das ne ugierig
ist, was gerade zum Lernen angeboten wird. Es wäre also eine der
wichtigsten Aufgaben der Lehrenden, erst die Neugier zu wecken und dann
zu befriedigen.
Bei einer Disziplin in diesem Sinne bestimmt also nicht die Anpassung an
Vorschriften das Verhalten, sondern die Arbeit selbst. Je mehr ‚warum’ gefragt
wird, desto größer ist die Motivation für das Lernen – das Interesse an
der Sache. Sie dient der Stärkung der Persönlichkeit, nicht deren Aufhebung.
Kapitel 7
Hier ist die Gelegenheit, ein kleines Klagelied anzustimmen über den
schlechten Ruf, in dem das Lernen steht.
Die Stunde ist vorüber, die Schüler stürzend johlend aus der Klasse. Die
Schule ist vorüber, es sind Ferien, die Schüler stürzen johlend aus dem
Schultor. „Endlich frei!“ Frei wovon? Von dem Druck der Arbeit, des Lernens.
Frei wofür? Für das Herumstromern? Wilhelm Busch beschreibt das
so: „Das ist freilich auch bequemer und dazu noch angenehmer, als in Kirche
oder Schule festzusitzen auf dem Stuhle.“ Das Festsitzen ist für das
Lernen weitgehend nötig. Aber muss der Druck sein? Wie viel schöner wäre
es, wenn die Schüler nach den Ferien in die Schule kämen, laut rufend:
„Hurra, jetzt dürfen wir endlich wieder lernen.“ Dass dem nicht so ist, liegt
das am System? Es gibt Schulen, die ein angenehmeres Arbeitsklima haben
als andere. Es gibt druckfreie Schulen.
Denn der Druck ergibt sich nicht aus dem System der Schule selbst. Er besteht
darin, dass gelernt werden muss. Ohne Lernen gibt es keine Fähigkeiten,
keine Kompetenz. Die Schule bietet nur den Raum dafür. Und der Lehrer
reicht eine helfende Hand. Kann es nicht so sein?
Kapitel 8
Ein weiterer kleiner Exkurs über das Lernen. Nur so viel wie nötig, denn
Lernen gehört nur bedingt zur Erziehung.
Die Amerikaner sprechen von ‚Life-Long-Learning’ . Das taten schon die
alten Römer und sagten: „Bonus vir semper tiro.“ Und meine Großmutter
sagte immer: „Man wird alt wie eine Kuh und lernt immer noch dazu.“ Das
ist also nicht neu.
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Aber was ist eigentlich Lernen? Lernen ist die Aneignung von etwas Fremden
bis es zum selbstverständlichen Teil der eigenen Persönlichkeit wird.
Der Lernprozess ist: Kennenlernen, Wiederholen, Wiederholen in neuem
Zusammenhang, freier Gebrauch. Das ist eine anstrengende und ernsthaft
Arbeit. Es ist ein Wesensmerkmal des Lernens, dass es nachprüfbar ist. Gelernt
hat man etwas nur, wenn man es kann. Wenn man es nicht kann, hat
man es nicht gelernt. Wenn jemand, der die Vokabeln nicht kann, sagt, er
hätte sie aber gestern gelernt, dann stimmt das nicht. Vielleicht hat er sie
angeguckt, aber an etwas anderes gedacht.
Häufig wird Lernen auch im übertragenen Sinne gebraucht, zum Beispiel
bei dem Satz: „Ich habe gelernt, dass die Stulle immer auf die Marmelade nseite
fällt.“ Dabei ist das Wort ‚gelernt’ ersetzbar durch: ‚erfahren’, ‚erlebt’,
‚bemerkt’, ‚mitbekommen’, ohne dass sich am Sinn des Satzes etwas ändert.
Man kann aber sinnvoller Weise nicht sagen: „Ich habe die Vokabeln
erlebt.“ Lernen hat also eine eigene, besondere Bedeutung.
Über die Anstrengung hinaus ist Lernen aber etwas sehr Befriedigendes.
Das Kennenlernen von neuen Dingen und die Erfahrung der eigenen steigenden
Fähigkeiten sind positive Erlebnisse. Die Befriedigung der Neugier
weckt neue Neugier. Solange man Lernen kann, gibt es noch die Möglichkeit
zum Wachstum. Ohne Wachsen: Klappe zu.
So gesehen, ist Life-Long-Learning keine dumme Sache.
Kapitel 9
Der Erziehungsprozess hat zwei Ziele. Erstens, das Baby aus seiner Hilflosigkeit
zu erlösen und es zum selbständigen Handel zu befähigen und zwe itens,
es aus seiner pränatalen Isolation in die Gemeinschaft zu überführen.
Bei dem ersten hilft ein natürliches Wachstum, bei dem die steigenden
Kräfte in Kompetenzen umgewandelt werden. Der zweite Teil ist schwieriger,
wobei die situative Egozentrik allmählich abgebaut und durch ein Gefühl
der Gemeinschaft ersetzt werden muss. Das ergibt eine ganze Reihe
von Problemen. Dass man zum Beispiel auf seine Mitmenschen Rücksicht
nimmt, entspringt keiner natürlichen Veranlagung, sondern muss erst erklärt
und eingeübt werden.
Geht man davon aus, dass die Schreie des Babys Hilferufe sind, so ist eine
fürsorgliche Sicherheit darauf die beste Antwort. Sicherheit ist aus der
Notwendigkeit heraus die Maxime frühkindlicher Erziehung. Fehlt diese,
fällt das Kind in den zustand der Hilflosigkeit zurück.
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Das Baby muss seine Überzeugung, Mittelpunkt der Welt zu sein, aus
Rücksicht auf den Schlaf der Eltern nach und nach aufgeben. Dieser Ve rlust
(denn es ist einer), kann mit dem Gefühl für die Sicherheit des Auf- und
Angenommenseins wieder kompensiert werden. Wärme und Regelmäßigkeit
sind Faktoren dieser Sicherheit.
Die Sicherheit dient ja nicht nur zur Beruhigung. Sie hat noch eine viel
wichtigere Funktion. Sie dient zur Stärkung der Persönlichkeit. Jemand, der
sich sicher fühlt, kann sich auch anders behaupten, als ein furchtsamer
Mensch. Hier wird, ohne Worte, aus der Situation heraus ein wichtiger
Grundstein zur Persönlichkeitsbildung gelegt, die ein späteres Verhalten
wie Standfestigkeit, Ausdauer sowie die Fähigkeit, etwas wegstecken zu
können weitgehend beeinflusst. Es ist eine Art unbewussten Lernens, bei
der die Gewohnheit das Verhalten bestimmt.
Kapitel 10
Im Gegensatz zur Erziehung, die sich weitgehend mit dem Verhältnis der
Menschen untereinander befasst, bezieht sich die Bildung ausschließlich auf
den einzelnen Menschen und seine Entwicklung.
Was ist Bildung – und was bedeutet das Wort ‚Bildung’? Das Wort ‚Bild’
steht zwischen ‚Abbild’ und ‚Sinnbild’ in mehrfacher Bedeutung. Schiller
schreibt: „Wo rohe Kräfte sinnlos walten, da kann sich kein Gebild entfalten.“
Das ‚Gebild’ braucht also einen sinnvollen Zusammenhang. Es hat
mit dem englischen Wort ‚to build’ zu tun, es hat also etwas Aufbauendes.
Wolken ‚bilden’ sich am Horizont; es ‚bildet’ sich eine Menschenmenge.
Die ‚Ausbildung’ bedeutet eine Verbesserung und Vergrößerung der eigenen
Fähigkeiten.
(Nebenbei bemerkt bedeutet bei Schiller die ‚Einbildungskraft’ ausschließlich
die Fähigkeit, sich ein Bild von einer Sache zu machen und hat nicht
die pejorative Bedeutung, die es heute hat – sie entspricht der heutigen
‚Vorstellungskraft’)
Sich ein Bild von etwas zu machen heißt, die Dinge im Zusammenhang zu
sehen und ihnen eine Form zu geben. Insgesamt verweist das Wort ‚Bild’
auf den Aufbau einer sinnvollen inneren Beziehung. Im Bilde wird der innere
Zusammenhang in einer äußerlich erkennbaren Form sichtbar, die man
im weiteren Sinne als harmonisch bezeichnen kann. Dabei ist der Begriff
‚harmonisch’ nicht mit ‚sanft’ zu verwechseln. Gemeint ist eine tiefere Einheitlichkeit,
die aus ‚einem Guss’ ist.
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Kapitel 11
Der Bildungsprozess beginnt mit der Abnabelung und beinhaltet die Schritte
zur vollkommenen Selbständigkeit. Er ist die eigentliche Geburt des Individuums.
Mit der steigenden Wahrnehmungsfähigkeit des Kindes wächst auch der
Erfahrungsschatz. Wissen wird gespeichert. Das Baby fängt an, sich Gedanken
zu machen und das Verhalten der Bezugspersonen kritisch zu betrachten.
Dass diese ‚Gedanken’ zu Anfang nonverbal sind und sich auf der
Gefühlsebene abspielen, ist nicht wichtig. Wichtig ist die Vergleichsmö glichkeit
und das damit zusammenhängende Urteilsvermögen. Dinge und
Menschen werden gefühlsmäßig angenommen oder abgelehnt und sie bekommen
erst langsam einen Namen.
Die Namen kommen nicht von ungefähr, sondern sie sind gegeben. Selbst
wenn das Baby die Namen variiert oder eigene Namen erfindet, so werden
diese nach einer Weile abgelegt oder nur noch als Curiosum zitiert.
Der Aufbau des ‚Sprachschatzes’ ist ein wesentlicher Bestandteil des Bildungsprozesses.
Es ist offensichtlich, dass ohne die faktische Möglichkeit,
neue Erfahrungen zu sammeln und darüber zu reden, dieser Vorgang nicht
stattfinden kann. Der Bildungsprozess braucht die Kommunikation als
Nährboden für seine Entwicklung.
Während bei der Erziehung Regelmäßigkeit, Wärme, Sicherheit und die
Bindung an eine Person nötig sind, ist dies beim Bildungsprozess nicht der
Fall. Wechsel und Wandel ergeben neue Stimuli (‚Reisen bildet’) – und die
Kommunikation ist Bedingung.
Jedoch bleibt dies alles noch im Bereich des quantitativ erfolgenden
Wachstums. Der zweite Teil des Bildes, des Gebildes, nämlich der formgebende
innere Zusammenhang ist noch nicht angesprochen.
Kapitel 12
Um noch einmal auf das Lernen einzugehen. Es gibt ein unbewusstes Lernen.
Das Kind lernt so sprechen. Goethe sagt in ‚Wilhelm Meister’: Man
lernt am besten eine Sache dort, wo die Sache zuhause ist. Man lernt die
Sprache eines Landes am besten Im Land selbst. Das ist nicht immer mö glich.
Als Ersatz gibt es Schulen – und wie jeder Ersatz ist auch dieser voller
Mängel. Zwar heißt es: „Non scolae sed vitae discimus.“, aber niemand will
diesen Satz so recht glauben. Es bleibt immer so eine Art luftleerer Raum,
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so eine Art ‚als ob’ – und die Wirklichkeit des Lebens wird nirgends so
recht sichtbar.
Das Lernen, sonst ein spielerischer Vorgang, wird hier zu einer mühevollen
Arbeit, deren Sinn nicht immer sichtbar wird. Aber es gibt Dinge, die müssen
einfach gelernt werden. Das 1×1 und die unregelmäßigen Verben kommen
nicht von selbst. Doch kann man einem Schüler die Notwendigkeit
dessen klar machen?
Das Lernen steht zwischen Erziehung und Bildung und dient in beiden Fällen
als Hilfe zur Selbständigkeit. Der Lehrer soll dem Schüler beibringen,
was er kann. Der Schüler soll so gut erzogen werden wie der Lehrer. Zur
Erinnerung: Lernen heißt Kennenlernen, Wiederholen in einem neuen Zusammenhang,
selbständiger Gebrauch. Das ganze unter Kontrolle und Begleitung
des Lehrers. Dabei soll der Lehrer sich aber so schnell wie möglich
überflüssig machen – und das geschieht durch schrittweises Zurücknehmen
der Lernhilfen.
Kapitel 13
Zu dem Verständnis von Bildung als aufbauendem Prinzip gibt es eine Parallele
auf materieller Ebene: Das Body-Building. Hier wird der body aufgebaut,
genau wie bei der Bildung die Gesamtpersönlichkeit aufgebaut we rden
soll. Während bei der geistigen Bildung das Resultat komplexer Natur
und sehr schwer erfassbar ist, kann beim Body-Building das Anwachsen der
Muskelpakete mit dem Zentimetermaß gemessen werden.
Im Unterschied zum Body-Building gibt es aber bei der Bildung keine
Grenzen. Alles, was Menschen je erdacht und gemacht haben, kann erfasst
und begriffe und zu einem ‚Weltbild’ verbunden werden.
Was macht man damit? Was macht man mit den Muskeln? Man stellt sie
auf dem Jahrmarkt aus, um damit zu protzen. Dem Bildungsbürgertum wirft
man vor, dies ebenfalls – wenn auch auf anderer Ebene – zu tun. Auch der
Professor, der hochspezialisiert, alles andere um sich herum vergisst, ist
eher ein Spottbild als ein Beispiel für echte Bildung. Wie beim Bild oder
‚Gebilde’ tritt bei der Bildung gegenüber dem quantitativen Zuwachs der
qualitative Zusammenhang der Form hervor, sowohl der inneren wie der
äußeren. Bildung ist nicht nur die Vermehrung des Wissens, sondern auch
dessen Verarbeitung und Anwendung.
Im Gegensatz zum ‚Fachidioten’, der auf sein Wissensgebiet beschränkt ist,
kann der Gebildete mit allen über alles sprechen. Das heißt nicht, dass er
alles weiß, sondern dass er eine Grundlage besitzt, auf der er mit Aufnahme-
und Lernbereitschaft weiter aufbauen kann. Ein Gebildeter hat Lernen
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gelernt – und er lernt auch aus der Erfahrung anderer. Ein dummer Mensch
muss alle Fehler selber machen.
Kapitel 14
Haben wir uns bisher bemüht, Erziehung und Bildung sorgfältig auseinander
zu halten, so darf man darüber doch nicht vergessen, dass beide Prozesse
sich zur gleichen Zeit abspielen.
Betrachten wir noch einmal das Wesen, das sich morgens im Spiegel anblickt:
groß, schön, stark usw. Es besitzt das Gefühl der Sicherheit und Urteilskraft.
Man könnte nun leichter Hand das Gefühl der Sicherheit der Erziehung
und die Urteilskraft der Bildung zuschreiben. Doch in der Realität
ist das nicht so einfach. Geht doch beides auf Erfahrungen zurück, die das
Baby schon ganz früh gemacht hat – und zwar auf nonverbaler Ebene. Und
zwar in dem Zusammenhang des widersprüchlichen Strebens nach Sicherheit
auf der einen Seite und dem Wunsch nach Selbständigkeit auf der anderen.
Die Erfahrungen, die das Baby dabei macht, bilden die Grundlagen
einer ganzheitlichen Werteskala, die wahrscheinlich nie hinterfragt wird.
Das Sicherheitsbedürfnis ist eingebettet in die Beziehung zu den Mitme nschen.
Man möchte, man muss angenommen werden und dazu gehören, ob
in der Familie, im K&K Infantrie-Regiment No7, ob in einer Eliteschule
oder im Fussballfanclub. Ausgeschlossen sein – wo auch immer – ist ganz
schlimm. Der erste Grund, den Amokläufer für ihre Taten anführen, ist,
dass keiner etwas von ihnen wissen wollte.
Dass man aus diesem Sicherheitsbedürfnis heraus auf falsche Versprechen
hereinfallen kann, ist eine große Gefahr. Demagogen schüren die Ängste
der Menschen mit beliebigen Feindbildern, um ihre Schäfchen vor sich her
zu treiben. Deshalb ist das Urteilsvermögen die unabdingbar wichtige andere
Seite des Sicherheitsstrebens. Ohne kritischen Blick fallen wir auf jeden
rein, der uns das Blaue vom Himmel verspricht.
Kapitel 15
Erzogen wird man, bilden muss man sich selber. Genau wie beim Body-
Building die Muskeln nur durch harte Arbeit entstehen, muss man bei der
Bildung das Wissen mühsam erwerben. Vokabeln, Formeln, Paragr aphen
fallen einem nicht zu. Der Lehrer kann nur abfragen, Lernen muss der
Schüler alleine.
Das gilt aber nur für den Wissenserwerb. Die innere und äußere Verarbeitung,
damit das Wissen nicht Stückwerk bleibt, geht in den kommunikati13
ven Bereich über, d.h. in das Geben und Nehmen innerhalb des gesellschaftlichen
Umgangs und berührt damit auch die erzieherischen Fragen.
Man meint, dass eine höhere Bildung auch zu einem feineren, moderaten
Verhalten führt. Die höheren Einsichten sollen aus sich heraus zu positiven
Verhaltensänderungen führen. Da aber die Bildung nur indirekt auf das
Verhalten einwirkt, handelt es sich dabei um eine Aufgabe von wahrhaft
münchhausischen Ausmaßen, weil sie dazu herausfordert, sich selber am
Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen. Die Erziehung dagegen wirkt direkt auf
das Verhalten ein: durch das Wort, durch Vorbilder, durch Gewöhnungaber
leider häufiger ohne Begründung.
Wissen und Können sind Produkte von Arbeit und Ausbildung. Es gibt
zwar angeborene Fähigkeiten, doch drohen sie zu verkümmern, wenn man
sie nicht gebraucht. Eine angeborene Fähigkeit ist wie ein Versprechen, das
gehalten werden muss. Nur die voll zur Blüte gelangte Begabung bringt das
Gewicht in die Persönlichkeit.
Es ist also nicht nur überflüssig, sondern auch irrig, Erziehung und Bildung
gegeneinander auszuspielen oder sich in Spekulationen zu ergehen, welche
von beiden wichtiger ist. Beide haben das gleiche Ziel, nämlich die selbständige
Handlungsfähigkeit des Menschen – und gerade durch ihre Ve rschiedenheit
ergänzen sie sich sinnvoll.
Erst gemeinsam, sozusagen Hand in Hand, können Erziehung und Bildung
das Ergebnis hervorbringen, das Sie jeden Morgen im Spiegel sehen: Ein
Wesen groß, stark, schön, tatkräftig und energisch, vernünftig und einsichtsvoll,
urteilsfähig, mitfühlend, kompetent, leistungsfähig, gutwillig und
gutmütig, ausdauernd, zielstrebig, einsatzbereit und ausdauernd.