Hering und die Verachtung des Zeitgeistes

»Die Tatsache, daß in der Tagespresse täglich(!) geschrieben werden muss – entgegen der Tatsache, dass sich in der Kunst nicht täglich etwas Neues abspielt – hat zur Akzeleration des Kunstbetriebes geführt. Daß Kunst in die Hände der Tagespresse gefallen ist, ist derart unverträglich und widersprüchlich, dass es nur ein böses Ende nehmen kann und auch genommen hat. «

Bernd Hering ist ein altmodischer Mensch. Er hat nach eigenem Bekunden schon »zu viele Moden vorbeiquaddeln« sehen. Aus seiner Abneigung gegen Attribute des Zeitgeistes macht er keinen Hehl: »Firlefanz, Oberflächlichkeit, Vergeudung, so tun als ob, viel Wind machen mit dem kurzen Hemd, G’schaftelhuberei« sind ihm ein Greuel. Dagegen setzt er Ernsthaftigkeit, Arbeitsamkeit, Ordnung, Konstanz, Kontinuität. Vor allem aber Offenheit und Lernwilligkeit: »Life long learning« ist ihm zum »Glaubensgrundsatz« geworden. Und der Lateiner in ihm fügt einen klassischen Lehrsatz hinzu: »Bonus vir, semper tiro« – der gute Mensch fängt stets von vorne an.

Ein Mensch mit solchen Grundsätzen hat es nicht gerade leicht in einer Zeit, die solch altmodische Tugenden wenig goutiert, sie gern zu »Sekundärtugenden« abwertet. Hering, der als Maler und Bildhauer ebenso wie als Handwerker im eigenen Hause »ordentliche Arbeit« leisten will, muss feststellen, dass ordentliche Arbeit gar nicht mehr oder doch nur selten verlangt und gewürdigt wird. Das verletzt. Stempelt es ihn doch ab als Vertreter des Unzeitgemäßen, als Wertkonservativen, als Repräsentanten einer überholten Werteordnung.

Tatsächlich lebt und malt Bernd Hering gegen den Trend, er ist nicht »hip«, nicht »in«, nicht »en vogue«. Sperrt sich im Leben wie in seiner Arbeit gegen Zumutungen eines Zeitgeistes, der dem Künstler die zum Verbrauch bestimmte, kurzlebige Sensation abverlangt. Er hat sich dem Lärm, der Grellheit, der Atemlosigkeit des Alltagsgeschäftes entzogen: nicht als Eskapist, sondern als Selbstbescheider auf das ihm Wesentliche. Und er bemüht sich – in sich zurückgezogen – um mehr Gelassenheit. Als Mensch fällt ihm das schwerer als als Künstler: Er leidet nicht (mehr), wenn die Welt nicht zu ihm kommt. Ist »leider auch froh«, wenn er Ruhe für seine Arbeit hat.

Zu dieser Arbeit zählen nicht zuletzt Herings Versuche zur Farbenlehre. Er setzt sich seit Jahren mit den gängigen Modellen auseinander und ist bemüht, seine eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse zu systematisieren und theoretisch weiterzutreiben – ein opus magnum, das sich dem Außenstehenden nur mühsam erschließt. Die vorläufigen Ergebnisse setzt er grafisch so ansprechend um, daß seine Farbtafeln – auch diesseits der Erkenntnis – eine eigene Ausstellung verdienten. Doch diese Idee liegt Hering fern: Viel lieber öffnet er seine Mappen dem einzelnen Gesprächspartner, um ihn in die verblüffende Welt der Farben einzuführen.

Bernd Hering sucht nicht das Scheinwerferlicht. Er hat sich schon früh den Veranstaltungen des Kunstbetriebes entzogen. Als »Figur des öffentlichen Lebens«, als »Repräsentant des Kulturbetriebes« mochte er sich und seine Künstlerkollegen nicht verstanden wissen; dem »rat race«, dem Konkurrenzkampf des Kunstmarktes hat er sich seit je her versagt. Malen ist für ihn härteste Arbeit, für die er Ruhe und Konzentration braucht. Da bleibt kein Raum für Selbstdarstellung und Selbstvermarktung, für Public Relations und Marketing: Er möchte sein »bisschen Intelligenz nicht für äußere Dinge verschwenden«. Auf die Zustimmung des Marktes ist er – anders als auf die Zustimmung seiner Freunde – nicht angewiesen. Seine Bestallung zum Kunstlehrer hat ihn schon früh gegen die Korruption der Not und die materielle Versuchung des Erfolges immunisiert. Alles dies kam seiner konsequenten künstlerischen Weiterentwicklung zugute.

Bernd Herings Innenwelt ist die Absage an eine Außenwelt, die er bei Emile Zola »soziologisch exakt erfaßt« fand: »L’Oeuvre« (»Das Werk«) schildert den Übergang der bildenden Kunst aus dem Akademie-Salon-Betrieb des 18. Jahrhunderts in den Galerie-Zeitungs-Betrieb des 19. Jahrhunderts. Der Job des Journalisten, täglich – à jour – Neuigkeiten auf den Markt werfen zu müssen, zwingt seither auch den Kunstmarkt zu täglichen Sensationen. Nicht das Gewachsene, Gewordene, sondern das für den Markt Produzierte und auf den Markt Geworfene ist erfolgsträchtig. Im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht nicht das Bild, sondern das Ereignis. Und nur der ist der Beschleunigung und der Beliebigkeit des Kunstmarktes gewachsen, der in der Lage ist, dem Markt und seinen Medien täglich sein Futter zu geben. Der bereit ist, sich und seine Arbeiten im Durchlauferhitzer des Marktes und der Kritik verheizen zu lassen.

Bernd Hering war und ist dazu nicht bereit. Er sieht den Kunstbetrieb der Moderne – Museen, Galerien, Kritik, Zeitung, Handel – »mit großer Missbilligung«. Daß die Kunst »in die Hände der Tagespresse gefallen« ist, irritiert ihn. Es ist Ausdruck einer Innovationshysterie, die dem Charakter der Kunst entgegensteht. Innovation, sagt er mit Zola, sei eine Erfindung der Journaille.

Dabei hat Hering gegen Innovation als »Beiprodukt der Entwicklung« eigentlich gar nichts einzuwenden. Ägypter und Byzantiner hätten ihrer zwar nicht bedurft, sondern über lange Zeiträume hin das Gleiche immer gleich gemalt. Doch mit der Renaissance seien Veränderung und Erneuerung kunstimmanente Kriterien geworden. Gefährlich werde es dann, meint Hering, wenn Innovation zum Hauptkriterium der Beurteilung eines Werkes werde. Eine zwanghafte Erneuerung sei der Kunst ebenso abträglich wie ein zwanghaftes Festhalten an Traditionen.

So ist Hering weder Traditionalist noch Erneuerer, sondern – wie auch sonst – ein Mann der Mitte. Mit seinen Bildern wie mit seiner Kunstkritik entzieht er sich dein jeweils vorherrschenden Geist der Zeit. Er malt und urteilt unzeitgeistig, letztlich außer der Zeit.

Und doch ist Bernd Hering kein Elfenbeintürmler, sondern ein politischer Mensch, der der Kunst eine gesellschaftlich notwendige, ja zwingende Rolle zuweist. In seiner Argumentation greift er auf die schöpferische Potenz zurück, die jedem Menschen zu eigen ist: »Weil der Mensch denken kann, muß er dichten. Weil er hören kann, muß er Musik machen. Weil er sehen kann, muß er Bilder machen.« Tut er es nicht, dann ist ihm ein konstituierendes Element des Lebens abhanden gekommen; es wurde überlagert oder verdrängt. Dies aber steht der Entwicklung zum selbständig denkenden und handelnden Subjekt entgegen.

Hering sieht Kunst deshalb als wichtiges Erziehungs- und Bildungsinstrument, Kunsterziehung als notwendigen Initiationsritus zur Kultur. Wer einmal gelernt hat, in Bildern Dinge im Zusammenhang wahrzunehmen, ist zu komplexeren Einsichten befähigt. Wer einmal gelernt hat, in Bildern die Welt mit anderen als mit eigenen Augen zu sehen, wird auch anderes differenzierter und vorurteilsfrei sehen und beurteilen können. Die Kunst ermöglicht dem Menschen, über seine subjektive Wahrnehmung hinaus Erfahrungen zu machen. Wer zudem noch gelernt hat, sich selbst schöpferisch zu betätigen, der wird in der Lage sein, sich allein – das heißt für sich selbst – zu beschäftigen und nicht der Selbstentfremdung der Massengesellschaft anheimfallen. Er könnte »mit sich etwas anfangen«.

Dies ist – in Kürze – das humanistische Credo von Bernd Hering. Er weiß sehr wohl, daß – so banal es klingen mag – die Herrschenden nicht das geringste Interesse an derart gebildeten, mündigen und selbständig denkenden Bürgern haben (können). Dass Konformismus verlangt, Nonkonformismus abgestraft wird. Daß Erziehung und Bildung zwei Schritte vor und mindestens einen zurück machen: »Man kehrt immer wieder in den alten Sumpf zurück«. Daß der Fortschritt des Einzelnen durch »die Masse gebremst« wird. Und daß das Alte immer wieder aufs Neue gelernt und gelehrt werden muß, ohne Hoffnung auf dauernden Bestand.

Doch das entmutigt ihn nicht; die Hoffnung nimmt ihn in die Pflicht: »Ich werde jeden Tag wieder mit Vertrauen an die Arbeit gehen. Ungebrochen. Es handelt sich nicht darum, zu gewinnen, sondern darum, sich zu bemühen. Es handelt sich nicht darum, zu kämpfen, sondern darum, zu arbeiten«. Das tut er, Tag für Tag.

-be-


Hering 2011